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Einleitende Worte

Das Wort „Jude“ ist wieder ein gängiges Schimpfwort in Deutschland. Seit der sogenannten II. Intifada und nach den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 ist auch die Anzahl der antisemitischen Übergriffe und Anschläge nicht nur in Deutschland stark angestiegen. Zum einen verüben deutsche Rechtsextremisten „ihre Art“ der Straftaten wie z.B. Friedhofsschändigungen. Zudem werden immer wieder jüdische Menschen in bestimmten Gegenden tätlich angegriffen. Dabei treten immer mehr Jugendliche mit arabisch-islamischem Hintergrund als Täter in Erscheinung. Die Verbreitung der Judenfeindschaft in den MigrantInnencommunities findet zeitgleich mit dem sog. Tabubruch der Mehrheitsgesellschaft statt. Personifizieren Martin Walser, Martin Hohmann und Jürgen Möllemann eine Seite der Entwicklung, so stellen Politiker mit migrantischem Hintergrund wie Jamal Karsli und antisemitisch handelnde Jugendliche in Berlin Kreuzberg und Neukölln die andere Seite der Medaille. Sowohl Intellektuelle und etablierte Politiker, als auch Jugendliche, scheinen die Avantgarde antisemitischer Haltungen und Handlungen zu sein.

Betrachtet man die antisemitischen Ressentiments bei Jugendlichen mit islamisch-arabischem Familienhintergrund genauer, so wird deutlich, dass der Antisemitismus konstitutiv im Zusammenhang mit dem Geschichtsverständnis der islamisch-arabischen Familienherkunftsländern steht. Die dort herrschende Geschichtsauffassung bezüglich der Shoa ist von antisemitischen Mythen geprägt. Eine häufig anzutreffende Position lautet in diesem Zusammenhang, dass die Shoah eine Lüge und von Juden erfunden worden sei, damit diese ihre politischen Interessen durchsetzen könnten. Die etablierte Leugnung der Shoah in islamischen Ländern wird familiär an die Kinder weitergetragen - auch an die Kinder hier in Deutschland. Die antisemitischen Geschichtsbilder aus den „Heimatländern“ üben über Medien wie z.B. die arabischen Sattelitensender Al-Manar und Al-Jazeera oder Zeitungen wie die türkisch-islamistische Vakit Einfluss auf die Einstellungen der Jugendlichen aus. Die Verfilmung und Verbreitung der „Protokolle der Weisen von Zion“ über den Hizbullah-Sender Al Manar im Jahr 2004 und der Verkauf der „Protokolle der Weisen von Zion“ auf einer türkischen Buchmesse in Kreuzberg in 2005 zeigen die Relevanz dieses Phänomens. Auch aktuell-politische Diskurse aus der islamischen Welt zeitigen einen großen Einfluss auf die Einstellungen hier geborener Generationen muslimischer MigrantInnenfamilien. Die wiederholte Leugnung der Shoah und die Auslöschungsphantasien seitens des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad gegenüber Israel sind gefährliche Entwicklungen, deren Auswirkungen auch in Kreuzberg zu konstatieren sind.

Viele PädagogInnen aus Schulen und Jugendeinrichtungen berichten von der steigenden Schwierigkeit bei der Thematisierung der Shoa. Vor allem -aber nicht nur- bei muslimischen Jugendlichen findet ein Abwehrdiskurs gegenüber angeblich bevorzugter jüdischer Opferthematisierung statt. Palästinensische oder immer mehr auch andere Jugendliche aus muslimischen Elternhäusern machen ihren Unwillen deutlich, wenn im Unterricht die Geschichte und das Leid der Juden und die Shoah thematisiert werden. Sie betonen demgegenüber ihre eigene Opfererfahrung und beanspruchen eine Anerkennung des eigenen Opferstatus. Solche Entwicklungen werden über die politischen Diskurse und Zustände in vielen Ländern des Nahen Ostens oder die Proteste islamistischer Organisationen gegen die Mohammed-Karikaturen gefördert. Auf der politischen Ebene versuchen die Islamisten einen Islamophobie-Diskurs gegen Antisemitismus durchzusetzen welcher durch viele Jugendliche bedient wird.

In der deutschen Mehrheitsgesellschaft finden inzwischen eher die Stimmen Gehör, die im Zweiten Weltkrieg die Deutschen als Opfer der Geschichte darstellen. Durch die Aufdringlichkeit seitens der deutschen InitiatorInnen wird in Berlin voraussichtlich ein sogenanntes "Zentrum gegen Vertreibung" ungeachtet starker tschechischer und polnischer Proteste entstehen - und dass noch in der Nähe vom Holocaust-Mahnmal. Dieser Tabubruch hinsichtlich der deutschen Geschichte zieht seine Spuren bei der Geschichtsauffassung junger Menschen. Dieser Diskurs spiegelt sich auch bei der Haltung der herkunftsdeutschen Jugendlichen wieder. Sie möchten dementsprechend weniger von der Shoah hören, sondern viel mehr über die Erfahrungen der Deutschen; über Bombenkrieg, Flucht und Vertreibungen der Deutschen.

Obwohl der Hauptschwerpunkt der Arbeit der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus in der Entwicklung und Erprobung pädagogischer Module zu den aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus liegt, hat sich für unsere Arbeit jedoch ein zweiter wichtiger Aspekt herauskristallisiert. Wir haben Antworten auf die Frage gesucht, wie historisch-politische Bildung dem „Einwanderungshintergrund“ vieler Jugendlichen in Schulklassen gerecht werden und wie an dem unmittelbaren Erfahrungshintergrund junger Menschen angeknüpft werden kann. So arbeiteten wir z.B. mit der Biographie eines Berliner Holocaustüberlebenden, dessen Eltern Einwanderer aus der Türkei waren. In einem anderen mehrfach durchgeführten Projekt erarbeiteten Kreuzberger Jugendliche unter unserer Anleitung für ihre Mitschüler und ihren Freundskreis historische Rundgänge über jüdisches Leben in Kreuzberg vor der Shoah. In diesem Zusammenhang entstand auch die Bildungsreise mit Kreuzberger Jugendlichen zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, deren Dokumentation, die in Zusammenarbeit mit Kreuzberger Jungendlichen erstellt wurde, diese DVD darstellt.

Die Mehrheit der TeilnehmerInnen der Fahrt waren Jugendliche mit Migrationshintergrund und meistens aus der Türkei. Mehrheitlich waren sie Studierende aber auch Azubis und Schüler. Sie waren relativ gut informiert und sehr dran interessiert, sich der unbegreiflichen Tat, der Shoa, der historischen Zäsur der Menschheitsgeschichte, in seinem symbolträchtigsten Ort Auschwitz als Mensch zu stellen. Es war für jede der TeilnehmerInnen oft sehr schwer, das Erfahrene zu verkraften und zu verarbeiten.

"Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die aller erste an Erziehung." forderte Adorno 1966 in seinem Aufsatz Erziehung nach Auschwitz. Ein Klima herzustellen und die Welt so einzurichten, dass Antisemitismus der Boden entzogen ist, gehört nach wie vor zur dringlichsten Aufgabe der Menschheit. Der Kampf gegen die Bedingungen von Antisemitismus und seine Artikulationen, ob bei Islamisten, Neonazis, der deutschen Mehrheitsbevölkerung oder bei Menschen mit migrantischen Familienhintergrund ist die Verantwortung, die heute jedes einzelne Individuum hat und welche wir an heutige und künftige Generationen weiterzuvermitteln haben.

 

Die Redaktion

Iliana Sánchez Roa, Elif Kayi, Robin Stoller, Malte Holler, Aycan Demirel

  

Zur Benutzung der DVD

Die DVD ist in zwei Hauptbereiche geteilt: einem historischen Teil zum Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz und einem Teil zur Gedenkstättenfahrt, die von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus inhaltlich betreut wurde.

Historischer Teil: Der historische Teil ist in die Bereiche Auschwitz als Konzentrationslager und Auschwitz als Vernichtungslager aufgeteilt. Diese Bereiche wurden bewusst getrennt thematisiert, auch wenn eine solche Trennung durch die Funktionsweise des KZ Auschwitz nur idealtypisch möglich ist. Wir wollten dadurch auf die Doppelfunktion von Auschwitz, einerseits als Konzentrationslager und andererseits als Vernichtungslager Jüdinnen und Juden hinweisen. Zu den einzelnen Thematiken finden sich häufig sowohl Fotos, als auch Audiodokumente. Die Audios stammen alle vom Frankfurter Auschwitzprozess, der 1963-1965 gegen Angehörige des Lagerpersonals des ehemaligen KZ Auschwitz stattfand. Es handelt sich dabei um Zeugenaussagen von ehemaligen Häftlingen bei der Gerichtsverhandlung. Die Audios sind anmoderiert um eine Einordnung der Person und der Thematik zu erleichtern.

Gedenkstättenfahrt: Dieser Teil ist in vier Gebiete untergliedert. Unter KigA's Engagement findet sich ein Interview zur Arbeit von KigA, zu Problemen bei der Arbeit gegen Antisemitismus in Berlin-Kreuzberg und zur Bildungsfahrt in die KZ-Gedenkstätte Auschwitz. Unter Reisebericht findet sich ein Reisebericht der Bildungsreise. Unter Eindrücke berichten teilnehmende Jugendliche von für sie prägenden Eindrücken nach der Reise. Unter migrantische Bezüge zur deutschen Geschichte reflektieren die interviewten TeilnehmerInnen über ihren Bezug zur deutschen Geschichte und zu Auschwitz.

Danksagungen

Wir bedanken uns bei den folgenden Organisationen und Stiftungen für ihre finanzielle, inhaltliche oder organisatorische Unterstützung:

Soziale Stadt, Civitas, Quartiersmanagement Kottbusser Tor, Aktion Mensch, Nachrichtenpool Lateinamerika, Fritz-Bauer-Institut und der Gedenkstätte Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau in Oświęcim.

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