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Häftlingsalltag

 Der Alltag der KZ-Häftlinge war bestimmt von einem System absoluter Herrschaft und Kontrolle, von Terror und Strafen, gestützt auf die Gefahr, jederzeit der grausamen und unberechenbaren Willkür der SS ausgesetzt zu sein. Durch die ständigen „Selektionen“ und die allgegenwärtige Drohung, schon aus dem nichtigsten Anlaß einfach totgeprügelt oder erschossen zu werden, sahen die Gefangenen permanent der eigenen Vernichtung entgegen. Das vorherrschende Prinzip von totalem Terror, willkürlichen Schikanen und Quälereien sollte ihren Willen brechen und sie gefügig machen, sich der strengen Lagerdisziplin bedingungslos zu unterwerfen.

Um die große und stetig steigende Zahl von Gefangenen kontrollieren zu können und die Gruppe der Häftlinge zu spalten, erfand die SS außerdem ein subtiles System ihrer Beherrschung. Durch ihre Unterteilung in verschiedene Kategorien wie „Rote“ (politische Häftlinge), „Grüne“ („Kriminelle“), „Schwarze“ („Asoziale“) usw. entstand eine Hierarchie, an deren Spitze immer „arische“ deutsche Häftlinge standen und an ihrem Ende die Juden. Die SS wählte einzelne Personen aus, denen sie die Verantwortung auferlegte, ihre Befehle auszuführen, und machte so die Gefangenen selbst zu ihren Komplizen. Zum Beispiel stand jedem Arbeitskommando ein sogenannter „Kapo“ vor (italienisch capo: Kopf, Haupt), der diese Arbeitskolonne anführte und befehligte. Auch wurden für jeden Wohnblock ein „Blockältester“ und einige „Stubendienste“ bestimmt. An der Spitze standen „Lagerälteste“. Diese Funktionshäftlinge trugen dann gegenüber den SS-Angehörigen die Verantwortung zur Aufrechterhaltung der scharfen Disziplin. Bei Strafen wurden zuerst diese bestraft, und um das zu vermeiden, übten sie Druck auf die eigenen  Mithäftlinge aus. Der Druck der „Kapos“ und „Blockältesten“ war notwendig schon aus Eigeninteresse, hatte aber auch intern eine Schutzfunktion, nämlich Kollektivstrafen abzuwehren. Manche Funktionshäftlinge nutzten ihre Stellung zum eigenen Vorteil aus oder quälten ihre Mitgefangenen; andere hingegen versuchten zu helfen, wo immer sie konnten. Eine moralische Bewertung ihres Verhaltens ist jedoch äußerst schwierig, denn Funktionshäftlinge, die sich etwa weigerten, ihre Mithäftlinge zu schlagen, mußten selber mit schwerer Bestrafung oder sogar dem Tod rechnen.

 Die tägliche brutale Routine im Konzentrationslager begann um 4 Uhr morgens mit einem Wecksignal. Unter den Schlägen und Beschimpfungen der Blockältesten wurden die Häftlinge eilig von ihren Pritschen getrieben. Die armseligen Strohsäcke und Decken, die ihnen als Bettzeug dienten, mußten pingelig genau zusammengelegt werden, wer es an gewissenhafter Sorgfalt fehlen ließ, konnte dafür schwer bestraft werden. Ständig zur Eile gedrängt, hasteten die Menschen zur Latrine und zum Waschen; danach wurde rasch der morgendliche „Tee“ oder „Kaffee“ ausgeschenkt und zügig verschlungen. In dem Gedränge mußte man sich oft mit der Kraft seiner Ellenbogen durchsetzen, wollte man einen Wasserhahn ergattern oder beim „Frühstück“ nicht leer ausgehen. Jetzt ging es im Laufschritt zum Apellplatz, wo sich die Häftlinge in Zehnerreihen aufstellen mußten, um sich zählen zu lassen. Auch die Leichen der in der Nacht Verstorbenen wurden zum Morgenappell mitgeschleppt und gezählt. Erst wenn die Vollzähligkeit der Gefangenen festgestellt war, was sehr lange dauern konnte, versammelten sich die verschiedenen Arbeitskommandos, um in Kolonnen zur täglichen Zwangsarbeit auszurücken. Auszug und Rückkehr der streng bewachten Arbeitskommandos wurden begleitet von Marschmusik der Häftlingsorchester, die es in den großen Lagerteilen Stammlager (Auschwitz I), Birkenau (Auschwitz II) und Monowitz (Auschwitz III) gab.

Der Hin- und Rückweg zur Arbeit war oft kilometerlang und beschwerlich; die Arbeitszeit konnte bis zu 12 Stunden betragen, mit einer nur halbstündigen Mittagspause. Nach der erschöpfenden Arbeit unter ständigem Gebrüll und körperlichen Mißhandlungen ihrer Antreiber, kehrten die völlig ausgelaugten Häftlinge ins Lager zurück. Ihre Toten mußten sie mit ins Lager zurücktragen. Wer bei den strengen Kontrollen am Lagertor beim Schmuggeln von Lebensmitteln oder ähnlichem erwischt wurde, dem drohte schwerste Bestrafung. Danach folgte der Abendappell, bei dem die Häftlinge abermals gezählt wurden.

Die zahllosen Appelle für Zählungen, Läusekontrolle, als Strafe oder für „Selektionen“ wurden bei jedem Wetter durchgeführt und konnten manchmal Stunden dauern. Der längste Appell in Auschwitz zog sich über 20 Stunden. Nach der abendlichen Essensausgabe galt ab 21 Uhr Nachtruhe und absolute Ausgangssperre. Wer jetzt noch seine Baracke verließ, wurde von den Wachen ohne jeden Warnruf erschossen. Gerade nachts warfen sich viele verzweifelte Häftlinge, die das elende Leben unter solch elenden Bedingungen nicht mehr ertragen konnten, in den elektrisch geladenen Lagerzaun, was man in der Lagersprache „in den Draht gehen“ nannte.

Aussage des ehemaligen Häfltings Imrich Gönzci bei den Verhandlungen des Frankfurter Auschwitzprozesses (1963-1965).
Aussage des ehemaligen Häfltings Erich Altmann bei den Verhandlungen des Frankfurter Auschwitzprozesses (1963-1965).
Ausmarsch eines Arbeitskommandos. Zeichnung des ehemaligen Häftlings Miecyslaw Koscielniak.
Lagerorchester aus Häftlingen.
Appell im Stammlager (Auschwitz I). Ölgemälde des ehemaligen Häftlings Miecyslaw Koscielniak (1972).
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