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Häftlingskrankenbau

 In den einzelnen Lagern von Auschwitz gab es spezielle „Blocks“ für Kranke und Verletzte. Ein solcher „Häftlingskrankenbau“ (HKB) war aber nicht etwa eine Stätte der Heilung, sondern vielmehr ein Ort des Sterbens, der im Lagerjargon auch „Vorhalle zum Krematorium“ genannt wurde. Hierher kamen Häftlinge mit schweren Erkrankungen, mit Verletzungen, die sie sich durch körperliche Mißhandlungen oder Unfälle bei der Zwangsarbeit zugezogen hatten, aber auch diejenigen, die durch den Zustand völliger Auszehrung und Erschöpfung den strapaziösen Lageralltag nicht mehr bewältigen konnten. In regelmäßigen Abständen führte die SS in den Krankenblocks „Selektionen“ durch, bei denen sie Häftlinge – vor allem jüdische – für den Tod bestimmte. Die Betroffenen wurden dann entweder in den Gaskammern oder mit einer Giftinjektion direkt ins Herz ermordet – diese Tötung durch „Abspritzen“ erfolgte durch das Mittel „Phenol“, das einen sofortigen Herzstillstand bewirkte. Weil die Mordpraktiken in den HKBs unter den Gefangenen bekannt waren, versuchten sie, eine Einweisung dorthin so lange wie nur irgend möglich zu vermeiden.

 Der Häftlingskrankenbau unterschied sich in seiner Ausstattung meist nicht von den anderen Unterkunftsbaracken. Auch hier waren die schäbigen Schlafsäle ständig überfüllt und mußten sich jeweils mehrere Häftlinge eine Pritsche teilen. Die hygienischen Bedingungen waren mehr als mangelhaft, die verlausten Schlafstätten häufig durch Eiter und Exkremente verschmutzt. Es fehlte an sauberem Wasser zur Wundreinigung oder zur Versorgung der Durchfall- und Fieberkranken. Unter diesen Verhältnissen wurde der Ausbreitung von Infektionskrankheiten und Seuchen nicht etwa entgegengewirkt, sondern diese sogar begünstigt.

 Wie für die Wohnbaracken gab es auch für die Krankenreviere einen hauptverantwortlichen Häftling, den sogenannten „Lagerältesten“, und für jede Baracke einen „Blockältesten“. In der Anfangszeit des Lagers entschieden diese (meist deutschen) Funktionshäftlinge, die gewöhnlich über keinerlei medizinische Qualifikation verfügten, über die Aufnahme kranker Personen und führten sogar Behandlungen durch, während ausgebildete Mediziner lediglich als Pflege- oder Putzkräfte zugelassen waren. Erst ab 1942 durften Häftlingsärzte und –ärztinnen sowie sachkundiges Pflegepersonal die medizinische Betreung ihrer Mithäftlinge übernehmen, über deren Aufnahme jetzt SS-Lagerärzte oder SS-Sanitätsdienstgrade (SDG) entschieden. Die Aussichten auf erfolgreiche Behandlungen waren äußerst begrenzt, weil kaum Hilfsmittel zur Verfügung standen und die Zuteilung von Medikamenten und Verbandsmaterialien durch die SS-Lagerapotheke völlig unzureichend war. Häufig ließ das medizinische Häftlingspersonal nichts unversucht, um Leben zu retten und einzelne Menschen vor den „Selektionen“ zu bewahren, auch wenn ihnen oft nichts anderes blieb, als Trost zu spenden und Mitgefühl zu zeigen. Der Aufenthalt im HKB, während dem die Gefangenen immerhin von der Pflicht zu Zwangsarbeit und kräftezehrenden Appellen befreit waren, ermöglichte den „Patienten“ allenfalls ein vergleichsweise ruhiges Sterben.

 Die Tötung kranker und schwacher Häftlinge durch Phenolspritzen wurde 1943 eingestellt, doch weiterhin erwartete alle diejenigen der Tod, die nicht innerhalb von zwei Wochen wieder „arbeitsfähig“ hergestellt waren. In manchen Krankenblocks führten deutsche Ärzte außerdem furchtbare medizinische Experimente an Häftlingen durch, die zum größten Teil tödlich verliefen. Die amtsärztlichen Todesmeldungen für die in den HKBs und im übrigen Lager Verstorbenen und Ermordeten wurden einfach gefälscht, um die wahren Ursachen und Umstände ihres Todes zu verschleiern.

Aussage des ehemaligen Häfltings Raya Kagan bei den Verhandlungen des Frankfurter Auschwitzprozesses (1963-1965).
Häftlingskrankenbaus im Barackenlager „B II f“ in Birkenau (Auschwitz II).
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