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Widerstand in Auschwitz-Birkenau

Die Organisation von Widerstand in Lagern war extrem schwierig. Dieser wurde durch viele Probleme behindert oder erheblich erschwert. Vor allem waren die Insassen dem Terror der SS ausgeliefert, der sie vor konkrete und psychologische Hindernisse stellte. Für die kleinsten Verfehlungen konnten sie zum Opfer von Folterungen und Mord werden. Ein weiteres Hindernis war die „kollektive Verantwortung der Häftlinge“, wodurch nicht nur derjenige bestraft wurde, welcher gegen die Regeln des Lagers verstoßen hatte, sondern zugleich alle anderen, auch wenn sie mit dem „Vergehen“ selbst gar nichts zu tun hatten. Das Lager war von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten und seine verschiedenen Teile waren voneinander räumlich oder durch Zäune getrennt. Die Gefangenen sprachen viele unterschiedliche Sprachen, was die Kommunikation unter ihnen erschwerte.

Widerstand konnte normalerweise nur von Häftlingen geleistet werden, die in das Lager eingewiesen worden waren und nicht sofort ermordet werden sollten. Trotzdem gibt es auch Berichte von spontanen Aufständen oder Fluchtversuchen kurz vor den Gaskammern. So brach beispielsweise am 23. oder 24. Oktober 1943 unter den jüdischen Frauen eines Transports aus dem KZ Bergen-Belsen eine Revolte aus, als diese bereits in den Auskleideraum des „Krematoriums II“ gebracht worden waren, wo sie getötet werden sollten. Vermutlich hätte es noch viel mehr solcher Aufstände gegeben, wenn wirklich alle Betroffenen gewusst hätten, dass sie direkt in den Tod getrieben werden.

Die Initiatoren der Konspiration waren zunächst vor allem Polen und bereits in der zweiten Hälfte des Jahres 1940 entstanden die Kerngruppen mehrerer Geheimorganisationen, denen bald weitere, entweder national oder gemischt zusammengesetzte Gruppen folgten. Viele der Widerstandskämpfer waren vor ihrer Verschleppung ins KZ aktiv als Politiker, Mitglieder von Organisationen und Verbänden, hatten im Spanischen Bürgerkrieg als Angehörige der antifaschistischen Internationalen Brigaden gekämpft oder sich an Widerstandsbewegungen in Polen, Tschechien, Frankreich, der Sowjetunion, in Jugoslawien und in anderen Ländern beteiligt. Solche erfahrenen Aktivisten gründeten nun in Auschwitz militärisch-politische, politische und konspirative Gruppen, darunter auch eine österreichisch-deutsche Gruppe, die Ende 1942 auf der Initiative des Wiener Kommunisten Hermann Langbein entstand. Auch jüdische Häftlinge, die ab 1942 die überwiegende Mehrheit der Gefangenen stellten, beteiligten sich aktiv am Widerstand in Auschwitz. Ihre Teilnahme drückte vor allem den unbedingten Willen zum Überleben aus und der Todesmaschinerie zu entgehen, um der Welt von den Verbrechen in Auschwitz berichten zu können.

Die wichtigen Merkmale alltäglichen Widerstands waren Selbsthilfe und Selbstverteidigung; dazu gehörten das Verstecken von kranken Menschen, die Fälschung von Eintragungen in den Akten, um Kameraden vor dem Tod zu retten, die Hilfe für Neulinge, die Solidarität unter den Gefangenen usw. Für viele Häftlinge erfüllte auch geistlicher Widerstand eine wichtige Funktion, indem er ihnen durch heimliche Zusammenkünfte, die Einhaltung religiöser Bräuche und Pflichten oder das Verstecken von Schriften und Gedichten bei der Aufrechterhaltung persönlicher Würde und Selbstbehauptung half.

Darüber hinaus wurden auch Beweise der Massenvernichtung gesammelt. Häftlinge mit Funktionen in den verschiedenen Stellen der Lagerverwaltung entwendeten oder kopierten heimlich wichtige Dokumente, andere verfassten schriftliche Berichte oder fertigten Zeichnungen an. Es wurde versucht, einige dieser Materialien aus dem Lager zu schmuggeln, was mitunter auch gelang; andere Beweisstücke wurden innerhalb des Lagers versteckt oder vergraben und konnten erst nach der Befreiung teilweise geborgen werden. In den Fabriken der Zwangsarbeit fanden außerdem Sabotageaktionen statt. Auch Fluchtversuche waren Akte von Widerstand. Sie erfolgten entweder spontan oder sorgfältig geplant, mit oder ohne die Unterstützung der Widerstandsbewegungen innerhalb und außerhalb des Lagers, vielfach auch auf den sogenannten Todesmärschen der Evakuierungstransporte gegen Kriegsende. Gefangene, die zu fliehen versuchten, waren aber außerordentlich großen Schwierigkeiten ausgesetzt. Nicht nur mußten sie die strenge Bewachung und das Sperrsystem überwinden, sondern waren zudem durch ihr äußeres Erscheinungsbild mit geschorenem Kopf und in Häftlingsbekleidung besonders auffällig; gerade nicht-polnische Häftlinge besaßen oft weder Kenntnisse der polnischen Sprache noch der örtlichen Umgebung. Von den 802 bekannten Fluchtversuchen aus Auschwitz sind nur 144 tatsächlich gelungen.

Im Lager wurden durch Widerstandsgruppen sogar bewaffnete Aufstände geplant und organisiert, am nachdrücklichsten von solchen Häftlingen, die sich in unmittelbarer Todesgefahr befanden. Das bekannteste Beispiel einer bewaffneten Revolte ereignete sich bei den Vernichtungsanlagen in Birkenau (Auschwitz II). Am 7. Oktober 1944 töteten Mitglieder des jüdischen „Sonderkommandos“, das bei den Abläufen der Massenvernichtung helfen mußte, dort mehrere SS-Männer und schließlich gelang es ihnen, eines der Krematorien zu zerstören. Den Sprengstoff für selbstgebaute Granaten hatten weibliche jüdische Gefangene besorgt, die in einer nahe gelegenen Rüstungsfabrik arbeiteten und ihn heimlich ins Lager schmuggelten. Keiner der Aufständischen hat überlebt.

Der italienische Schriftsteller und Auschwitz-Überlebende Primo Levi schrieb über die begrenzten Widerstandsmöglichkeiten der KZ-Häftlinge: „Wenn wir auch Sklaven sind, bar allen Rechts, jedweder Beleidigung ausgesetzt und dem sicheren Tod verschrieben, so ist uns doch noch eine Möglichkeit geblieben, und die müssen wir, weil es die letzte ist, mit unserer ganzen Energie verteidigen: die Möglichkeit nämlich, unser Einverständnis zu versagen.“

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