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Ernährung, Hunger, Krankheiten

Die Absicht der physischen Vernichtung der Häftlinge in Auschwitz äußerte sich schon an den unmenschlichen Lebensbedingungen und der dürftigen, völlig unzureichenden Zuteilung von Nahrungsmitteln. Nach den Lagerrichtlinien sollten zu Schwerstarbeit gezwungen Gefangene gerade einmal 2.150 Kalorien und Gefangene, die leichtere Arbeiten zu verrichten hatten, 1.700 Kalorien am Tag erhalten. Tatsächlich lag der Nährgehalt der Essensrationen deutlich unter diesen Vorgaben. Im Prinzip lieferte die Nahrung zu wenige Kalorien zum Leben, aber gerade noch genug, um nicht sofort zu sterben. Über kurz oder lang jedoch hatte die anhaltende Mangelernährung für diejenigen Häftlinge, die sich keine zusätzlichen Lebensmittel beschaffen konnten, den sicheren Hungertod zur Folge. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung betrug dann im Lager nur drei bis sechs Monate.

Die Ausgabe von Essensrationen erfolgte theoretisch dreimal täglich. Morgens erhielten die Häftlinge eine scheußlich schmeckende Brühe, einen „Tee“ oder „Kaffee“ genannten Aufguß aus Kräutern oder Ersatzkaffee. Am Mittag wurde eine unappetitliche sogenannte Suppe ausgegeben, die viel Wasser, aber kaum Fleisch, Fett oder Gemüse enthielt. Die Häftlinge in Arbeitskommandos, welche das Lager tagsüber zur Zwangsarbeit verließen, bekamen ihre „Suppe“ erst abends nach ihrer Rückkehr. Die Essensration am Abend bestand nur aus einem kleinen Stück Brot mit etwas Wurst, Margarine, Marmelade oder Quark. Oftmals war die ausgeteilte Nahrung schon alt und schimmelig, das Brot häufig sauer und nur schwer zu verdauen, viele Lebensmittel sogar noch zusätzlich fettreduziert.

Angesichts derartiger Hungerrationen mußten die Gefangenen versuchen, sich selbst zusätzliche Nahrungsmittel zu verschaffen, um zu überleben. Indem die SS die Inhaftierten einer gnadenlosen Konkurrenz um das Essen und das eigene Überleben aussetzte, zwang sie ihnen eine Situation auf, die ihrer NS-Ideologie entsprach: einen unerbittlichen „Kampf ums Dasein“. Manche der Funktionshäftlinge, welche für die Essensverteilung zuständig waren, unterschlugen Lebensmittel eigennützig für sich selbst oder für ihre Kumpanen; andere wiederum halfen dadurch auch besonders hilfsbedürftigen Mithäftlingen. Trotz Androhung schwerster Strafen gelang es einzelnen und Gruppen von Gefangenen immer wieder, weiteres Essen zu „organisieren“. Wer als Funktions- oder Arbeitshäftling Zugang zu Küchen und Vorratslagern hatte oder zur Zwangsarbeit in Landwirtschaftsbetrieben eingesetzt war, konnte zuweilen heimlich etwas Eßbares mitgehen lassen. Die überlebenswichtigen Esswaren wurden auch auf dem geheimen Schwarzmarkt innerhalb des Lagers gehandelt.

 Wegen der chronischen Unterernährung ließen die Kräfte der Menschen oft schon nach wenigen Wochen nach. Eine Folge der Mangelernährung war schwerer Durchfall, an dem nahezu alle Häftlinge litten und der oft tödlich verlief. Personen im fortgeschrittenen Stadium der Hungerkrankheit verwandelten sich bald in elende Gestalten, die in der Lagersprache als „Muselmänner“ bezeichnet wurden. Sie standen kurz vor ihrem Tod, hatten bis zum Skelett abgemagerte Körper, einen stumpfen, anteilnahmslosen Blick, wurden gleichgültig gegenüber ihrer Umwelt und konnten sich nur noch schwer aufrecht halten. Aus Angst, daß ihre Auszehrung auffalle, versuchten viele Hungerkranke mühsam ihren Zustand zu verbergen, um nicht von der SS zum Tode „selektiert“ zu werden.

Ihr durch den ständigen Hunger geschwächter Organismus machte die Häftlinge sehr anfällig für Krankheiten und Infektionen, die sich angesichts katastrophaler hygienischer Verhältnisse und herumliegender Leichen rasch im Lager ausbreiteten. Eine beinahe ständig auftretende Epidemie war der durch Läuse übertragene, lebensbedrohliche Flecktyphus, dem in manchen Monaten Hunderte oder sogar Tausende von Häftlingen zum Opfer fielen. Die SS bekämpfte die Seuche erst dann, als sie ihr Übergreifen auf die Wachmannschaften befürchtete.

Aussage des ehemaligen Häfltings Hermann Langbein bei den Verhandlungen des Frankfurter Auschwitzprozesses (1963-1965).
Sowjetische Kriegsgefangene in Auschwitz.
Ausgezehrte Häftlinge nach ihrer Befreiung durch die Rote Armee, Januar 1945.
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