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Massenvernichtung der Juden

 Methoden der Vernichtung

 Im Rahmen der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik erfüllte das Lager Auschwitz-Birkenau eine doppelte Funktion: Einerseits diente es als Konzentrationslager für aus politischen oder „rassischen“ Gründen inhaftierte Einzelpersonen oder Personengruppen und andererseits als eine zentrale Stätte zur Vernichtung der europäischen Juden. Prinzipiell waren alle Häftlinge des Konzentrationslagers in ihrer Existenz Verhältnissen unterworfen, die jederzeit ihren Tod herbeiführen konnten oder sogar direkt auf ihre physische Vernichtung abzielten. Ganz bewußt schufen die Verantwortlichen der SS im Lager einen Zustand, in dem die Gefangenen massenhaft an den entsetzlichen Lebensbedingungen, an Hunger und an Krankheiten elendig krepieren mußten; andauernd war das Leben der Häftlinge bedroht durch die absolute Willkür, den brutalen Terror und die alltäglichen Blut- und Mordtaten ihrer Aufseher und Peiniger, wobei häufig bloß Zufälle über Leben oder Tod eines Gefangenen entschieden; durch die qualvolle und erniedriegende Zwangsarbeit wurden Häftlinge systematisch zugrunde gerichtet („Vernichtung durch Arbeit“). Unzählige Gefangene wurden außerdem ganz gezielt durch Giftinjektionen, Erschießungen oder in den Gaskammern ermordet. Je weiter unten jemand seinen Platz in der Hierarchie zugewiesen bekam, welche gemäß der nationalsozialistischen Ideologie jeweils den angeblichen „Wert“ oder „Unwert“ eines Menschenlebens festlegte (und das zwangsweise auch auf das Kollektiv der KZ-Häftlinge übertragen worden war), desto mehr wurde von der SS sein Tod als zweckmäßig empfunden und sogar gewünscht. Gegenüber der Gruppe der Juden – und ähnlich auch gegenüber der Gruppe der Sinti und Roma, den sogenannten „Zigeunern“ – betrieb man hingegen ein ganz systematisch organisiertes und planmäßig durchgeführtes Programm zu ihrer gänzlichen Ausrottung und Vernichtung.

 Auf der Suche nach einer effektiven Methode für den Massenmord begann die SS etwa seit Spätsommer 1941 mit Experimenten zur Tötung durch Giftgas. Dabei konnte sie bereits auf Erfahrungen von 1939/40 zurückgreifen, als im Zuge der sogenannten „Euthanasie“ in einigen Heil- und Pflegeanstalten Kranke und Behinderte durch Kohlenmonoxyd in Gaskammern ermordet worden waren. Diese Mordtechnik wurde jetzt für die systematische Vernichtung der Juden übernommen. In den eroberten Gebieten Polens und der Sowjetunion kamen mehrere mobile, mit speziellen Gaswagen ausgerüstete Mordkommandos zum Einsatz, wobei die Auspuffgase der Lastwagen direkt in einen hermetisch verschlossenen Kastenaufbau geleitet und die darin eingesperrten Menschen auf diese Weise getötet wurden. Gleichzeitig wurde im ehemaligen Polen mit der Errichtung mehrerer Vernichtungslager mit Gaskammern begonnen, regelrechten „Todesfabriken“, die entweder allein zu diesem Zweck entstanden, wie in Chelmno (dort allerdings unter Einsatz von Gaswagen), in Belzec, Sobibor und Treblinka, oder im Falle von Majdanek und Auschwitz-Birkenau an schon bestehende Konzentrationslager angeschlossen wurden.

 Vernichtungslager Auschwitz

 Im Stammlager Auschwitz wurden im August/September 1941 erste „Probevergasungen“ an sowjetischen Kriegsgefangenen durchgeführt, zunächst versuchsweise in einer Gefängniszelle im Keller von Block 11 und dann im Krematoriumsgebäude („Krematorium I“). Hierzu verwendete man das Mittel „Zyklon B“, das eigentlich der Schädlingsbekämpfung diente. Es handelte sich dabei um ein Blausäure-Kristall, das sich bei einer Temperatur von etwa 26 Grad Celsius in ein hochgiftiges Gas verwandelt und sich gegenüber den Motorabgasen als effektiveres Mordmittel erwies. Sofort begannen nun auch Massenvergasungen von Juden, die in immer neuen Eisenbahntransporten in das Lager gebracht wurden. Ihre Leichen wurden nach der Vergasung in den Öfen des Krematoriums verbrannt.

Um die Kapazitäten der Mordmaschinerie zu erweitern wurden im Laufe der folgenden Monate im Lagerteil Birkenau in zwei umgebauten Bauernhäusern provisorisch weitere Gaskammern eingerichtet. In diesen, auch als „Bunker“ bezeichneten Mordstätten konnten Gruppen von bis zu 800 beziehungsweise 1.200 Personen gleichzeitig umgebracht werden. Da die „Bunker“ kein eigenes Krematorium besaßen, mußten die Leichen der Opfer in großen Gruben und auf Scheiterhaufen unter freiem Himmel verbrannt werden.

Im Sommer 1942 schließlich wurde in Auschwitz-Birkenau mit dem Bau von vier großen Krematoriumsgebäuden begonnen, die nach ihrer Fertigstellung im Sommer 1943 in Betrieb gingen. Jedes dieser Bauwerke war ausgestattet mit je einem Auskleideraum, einer Gaskammer für etwa 2.000 Personen und mehreren hochmodernen Öfen zur Leichenverbrennung. In zwei der Gebäuden („Krematorium II“ und „III“) waren die Auskleideräume und Gaskammern unterirdisch angelegt , während die Verbrennungsöfen im Stockwerk darüber lagen; der Transport der Leichen erfolgte über einen Lastenaufzug. Die zwei anderen, kleineren Gebäude („Krematorium IV“ und „V“) waren ebenerdig. Mit den vier neuen Krematorien und Gaskammern verfügte das Lager Auschwitz-Birkenau jetzt über eine umfangreiche Anlage zur Massenvernichtung. Sie war ausgelegt auf die Einäscherung von fast 4.500 Leichen am Tag, in der Regel jedoch wurden diese Zahlen noch weit überschritten. In Zeiten, in denen die Krematorien durch das endlose Morden in ausgedehnten Tages- und Nachtschichten überlastet waren, verbrannte man außerdem einen Teil der Leichen in großen Gruben unter freiem Himmel. Auf dem Höhepunkt des Tötungsbetriebs wurden zusätzlich auch die älteren, kleineren Vernichtungsstätten, die provisorischen „Bunker“, vorübergehend wieder aktiviert.

 Massenvergasungen

 Die zahlreichen, bald alltäglichen Mordaktionen gegen Juden liefen fast immer nach dem gleichen Schema ab. Bei der Ankunft eines Deportationszuges an der Eisenbahnrampe wurde er von bewaffneten Wachposten umstellt, die Türen der fest verschlossenen Waggons wurden nun geöffnet und die irritierten und verschreckten Menschen herausgetrieben. Für die „Selektion“ mußten sie sich dann auf der Rampe in zwei Reihen aufstellen, Männer auf der einen und Frauen und Kinder auf der anderen Seite. Nacheinander mußten sie einzeln vortreten, damit ein SS-Arzt nach einem nur flüchtigen Blick ihre „Arbeitsfähigkeit“ beurteilte und sie dann mit einer Handbewegung entweder nach rechts oder nach links schickte. Daß der Arzt in jenem Moment und je nach Bedarf über ihr Leben oder ihren Tod entschied, konnten die Menschen dabei nicht wissen. Die als „arbeitsunfähig“ aussortierten Personen – das waren oft 70-80 % eines Transports (nicht nur alte oder schwache Menschen, sondern auch Frauen mit Kleinkindern und überhaupt alle, die man nicht als Arbeitskräfte benötigte) – wurden zu den Gaskammern geführt. Solange die Bahnrampen außerhalb des Lagerbereichs lagen, brachte man die für den Tod bestimmten Juden in Kolonnen zu Fuß oder mit Lastwagen zu den Mordstätten. Seit Mai 1944 führte dann ein Gleis bis in das Lager Birkenau hinein und bis direkt an die Tore der Gaskammern.

Um die meist völlig ahnungslosen und verängstigten Menschen ruhig zu halten, wurde ihnen erzählt, sie würden zur Desinfektion in Duschräume gebracht und danach zur Zwangsarbeit geschickt. Der Versuch, die Opfer in die Irre zu führen, wurde bis zuletzt aufrecht erhalten: An den Gebäuden mit den Gaskammern hingen Aufschriften, die auf ein „Bad“ und eine „Desinfektion“ hinwiesen. In den Auskleideräumen gab es Sitzbänke, über denen an der Wand nummerierte Kleiderhaken angebracht waren; dort wurde den Leuten gesagt, sie sollten sich ihre Nummer gut merken, um hinterher ihre Kleider schnell wiederzufinden. Und noch in den Gaskammern selbst waren Armaturen angeblicher Wasserrohre und Duschbrausen installiert. Wer die Täuschungsmanöver dennoch durchschaute und deshalb Aufregung oder Hektik zu verbreiten drohte, wurde möglichst unauffällig abgedrängt und abseits der anderen erschossen.

In den Auskleideräumen der Vernichtungsanlagen (oder im Falle der kleineren, provisorischen Gaskammern auch im Freien) befahl man den Menschen, sich für das angebliche Duschen nackt auszuziehen. Anschließend wurden sie in die Gaskammern getrieben und die Türen luftdicht verschlossen. Drinnen stand die Menge dichtgedrängt und splitternackt, unruhig wegen der verriegelten Türen und in angstvoller Erwartung des Kommenden, sicherlich häufig ihren bevorstehenden Tod schon vorausahnend. Durch kleine Öffnungsklappen in den Decken oder Außenwänden der Gaskammern warfen SS-Angehörige jetzt das „Zyklon-B“ hinein, das schnell zu giftigem Gas verdampfte. Für die eingeschlossenen Personen begann nun ein qualvoller Todeskampf. Zuerst starben diejenigen, die nahe der Einwurfstellen des Giftgases standen. Vor Entsetzen fingen viele der Menschen an zu schreien; sofort drängten alle in Richtung der verschlossenen Türen, trampelten sich in ihrer hilflosen Panik gegenseitig nieder, kletterten übereinander. Aber jeder Versuch, dem sich vom Boden ausbreitenden Gas zu entgehen, war aussichtlos. Der Vernichtungsprozeß wurde von einem SS-Arzt beaufsichtigt, der durch ein kleines Guckloch in der Tür von außen die Vorgänge im Inneren der Gaskammer beobachten konnte. Schon nach wenigen Minuten verwandelten sich die Schreie der Sterbenden in ein schweres Röcheln und verstummten schließlich ganz. Auf qualvolle Weise waren innerhalb von nur etwa 20 Minuten Hunderte oder Tausende von Menschen ermordet worden.

Die jüdischen „Sonderkommandos“

Auf furchtbare Art wurden auch bestimmte Gruppen von Gefangenen dazu gezwungen, bei der Durchführung des Massenmordes zu helfen. Dafür wurden spezielle „Sonderkommandos“ aus jüdischen Häftlingen gebildet, die von den anderen Lagerhäftlingen räumlich streng isoliert blieben. Während SS-Angehörige „lediglich“ die mit den Transporten im Lager ankommenden Menschen bewachten, sie zu den Krematorien brachten und dann das Mordmittel „Zyklon B“ in die Gaskammern einwarfen, hatten diese jüdischen „Sonderkommandos“ unter der Aufsicht der SS die grauenvollsten Aufgaben des Vernichtungsvorgangs auszuführen.

In den Auskleideräumen der Krematorien mußten die Häftlinge des „Sonderkommandos“ den Menschen beim Ausziehen behilflich sein, von denen sie wußten, daß diese schon in wenigen Minuten ermordet würden. Wenn alle Personen in die Gaskammern geführt waren, sammelten sie deren Kleider zusammen und schnürten sie zu Bündeln. Nach der Vergasung wurden die Gaskammern entlüftet und dann die Türen geöffnet. Die „Sonderkommandos“ wurden nun gezwungen, die Leichen der Ermordeten herauszuziehen und zu den Verbrennungöfen zu schaffen. In den Gaskammern bot sich ihnen ein schreckliches Bild dar: die Körper der Opfer waren nach ihrem verzweifelten Todeskampf ineinander verkeilt und teilweise mit Blut, Kot und Erbrochenem verschmutzt; ihre Gesichter hatten sich grausig verzerrt und ihre Haut eine unnatürliche rosa Färbung angenommen. Die Leichen wurden nacheinander herausgeholt. Weil die SS den Toten nach ihrem Leben auch noch das allerletzte Verwertbare rauben wollte, mußten die „Sonderkommandos“ den Ermordeten alle Schmuckstücke abnehmen und ihnen die Goldzähne ausbrechen; den Frauen wurden ihre langen Haare abgeschnitten, damit diese später in Fabriken zu Filzstoffen verarbeitet werden konnten. Auch die Verbrennungsöfen der Krematorien wurden von Mitgliedern des „Sonderkommandos“ bedient, wobei in jedem Ofen mehrere Leichen gleichzeitig verbrannt wurden. Nachdem die Häftlinge noch selbst die letzten Knochenstücke zerkleinert hatten, schüttet man die Asche der Opfer in nahegelege Flüsse oder andere Gewässer, im Winter streute man damit manchmal die vereisten Wege des Lagers.

Man sollte das Verhalten der Angehörigen der „Sonderkommandos“ in ihrer Funktion als „Helfer“ im Vernichtungsprozeß nicht leichtfertig moralisch verurteilen. Ihre Situation war noch sehr viel extremer als die ihrer Mithäftlinge. Sie hatten keine andere Wahl und schwebten selbst in ständiger Todesgefahr. Weil die „Sonderkommando“-Häftlinge unmittelbare Augenzeugen des verbrecherischen Massenmordes waren, wurden sie allesamt in regelmäßigen Abständen getötet. Nur einige wenige von ihnen überlebten eher zufällig und durch außergewöhnliche Umstände das Kriegsende. Durch die grauenvollen Tätigkeiten, zu denen sie gezwungen wurden, befanden sie sich in einem unauflösbaren Dilemma und mußten dabei schwerste seelische Konflikte durchleben. Einerseits wurden sie unfreiwillig zu Komplizen der SS, indem sie sich an der massenhaften Ermordung ihrer jüdischen Brüder und Schwestern beteiligen mußten; andererseits hing ihr eigenes Leben davon ab, daß die Todesmaschinerie weiterlief und man sie für die Verrichtung der „schmutzigen“ Arbeit benötigte. Viele von ihnen versuchten gerade deshalb, sich im Rahmen ihrer geringen Möglichkeiten zur Wehr zu setzen und organisierten oder beteiligten sich an Formen des Widerstandes. Mitglieder der „Sonderkommandos“ sammelten Beweismittel der Vernichtung, fertigten im Geheimen Zeichnungen oder schriftliche Berichte an und vergruben sie in der Erde, um sie für die Nachwelt zu sichern; auch gelang ihnen trotz ihrer Isolation die heimliche Kontaktaufnahme zur Widerstandsbewegung im Lager. Anfang Oktober 1944 führten sie sogar einen bewaffneten Aufstand durch und konnten dabei eine der Mordstätten („Krematorium IV“) zerstören.

Aussage des ehemaligen Häfltings Filip Müller bei den Verhandlungen des Frankfurter Auschwitzprozesses (1963-1965).
Aussage des ehemaligen Häfltings Ota Fabián bei den Verhandlungen des Frankfurter Auschwitzprozesses (1963-1965).
Aussage des ehemaligen Häfltings Filip Müller bei den Verhandlungen des Frankfurter Auschwitzprozesses (1963-1965).
Aussage des ehemaligen Häfltings Otto Wolken bei den Verhandlungen des Frankfurter Auschwitzprozesses (1963-1965).
„Selektion“ungarischer Juden an der Rampe in Birkenau (Auschwitz II), fotografiert von der SS, 1944.
Nach der Ankunft eines „Transports“ aus Ungarn und nach der „Selektion“ wird eine Gruppe jüdischer Menschen zu den Gaskammern geführt. Fotografie der SS von 1944.
Das Krematorium III nach seiner Fertigstellung 1943, aufgenommen von der SS. Auskleideräume und Gaskammer waren unterirdisch angelegt, während die Öfen zur Leichenverbrennung im Erdgeschoß lagen. Ihm gegenüber stand auf der anderen Seite der Eisenbahnrampe ein zweites Gebäude gleichen Typs (Krematorium II).
Die Öfen zur Leichenverbrennung ermordeter Juden im Krematorium II. Fotografie der SS von 1943.
Das Krematorium IV, baugleich mit dem benachbarten Krematorium V, 1943 von der SS fotografiert. Auskleideräume, Gaskammern und Verbrennungsöfen waren ebenerdig gebaut. Dieses Gebäude wurde im Oktober 1944 von Häftlingen des jüdischen „Sonderkommandos“ im Zuge eines Aufstands zerstört. Die übrigen Vernichtungsstätten in Auschwitz-Birkenau sprengte die SS gegen Kriegsende, um die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen.
Von Mitgliedern des jüdischen „Sonderkommandos“ heimlich gemachte Aufnahme einer Leichenverbrennung auf Scheiterhaufen unter freiem Himmel, 1944.
„Alte Judenrampe“ außerhalb des Lagergeländes. Hier wurden die Deportationstransporte „entladen“ und die Ankommenden dann ins Lager gebracht. Seit Mai 1944 führten dann Bahngleise direkt ins Lager Birkenau (oberer Bildrand) und bis an die Vernichtungsstätten heran. Alliierte Luftaufnahme vom 26. Juni 1944.
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