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Exkurs: Jüdischer Widerstand gegen die Shoah 

Widerstand während des Zweiten Weltkriegs und gegen den Nationalsozialismus ist ein sehr weiter Begriff, der verschiedene Kämpfe und Kämpfende mit einschließt. Die Kämpfenden identifizierten sich mit einer Nation oder mit einem besetzten Land, wie z.B. mit Frankreich, Polen oder der Slowakei, und haben für die Befreiung dieses Landes gekämpft. An solchen Widerstandsbewegungen waren auch Juden beteiligt. Zuweilen zählten sie zu den Begründern von Widerstandsgruppen, manchmal wurden sie auch aus verschiedenen Gründen aus Widerstandsgruppen ausgeschlossen. Dieser sich „patriotisch“ verstehende Widerstand ist aber nur eine der Formen, an denen Juden teilnahmen. Eine wichtige Frage war, ob in solchen Widerstandsgruppen gegen die Vernichtungspläne der Nationalsozialisten vorgegangen wurde. Oft fand dies aber keine Berücksichtigung, so daß Juden im nationalen Widerstand lediglich Platz als Patrioten eingeräumt wurde. Der jüdische Widerstand hingegen ging in seiner Motivation darüber noch wesentlich hinaus, denn Juden kämpften gegen den Nationalsozialismus nicht nur aus politischen oder „patriotischen“ Beweggründen. Weil sie Objekte einer Vernichtungspolitik waren, war ihr Widerstand zugleich der Kampf gegen die Vernichtung.

Die Motive, aus denen heraus Juden Widerstand leisteten, sind genau so zahlreich wie die Formen des Widerstands selbst. Der Ende 1941 von dem Dichter Abba Kowner verfasste Aufruf zum Widerstand im Ghetto Wilna, „Lassen wir uns nicht wie die Schafe zur Schlachtbank führen“, liefert ein eindrucksvolles Beispiel des Lebenswillens und der Selbstbehauptung der Juden. Das Bedürfnis nach Rache für das ihnen zugefügte Leid oder die Ermordung ihrer Angehörigen sowie nach Rechtfertigung vor späteren Generationen war häufig auch sehr stark. So sprechen Überlebende der Shoah immer wieder von ihrem unbedingten Willen, am Leben zu bleiben, um der Welt von den Verbrechen der Massenmörder berichten zu können. Gleichzeitig erzählen sie von dem tiefen Schmerz, den sie empfunden haben, wenn ihnen nach dem Krieg ihre angebliche Passivität vorgeworfen wurde. In vielen Fällen hatte der Widerstand das Ziel, Menschenleben zu retten oder die Vernichtungsmaschinerie zu verzögern.

Eine Form des jüdischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus – und zugleich die wohl bekannteste – war der bewaffnete Kampf. Zu trauriger Berühmtheit gelangte insbesondere der Aufstand im Warschauer Ghetto von 1943, in dem bewaffnete jüdische Widerstandskämpfer der SS den Zugang zum Ghetto versperrten, bevor dieses komplett ausgelöscht wurde. Darüber hinaus entstanden in mehr als 100 Ghettos in Polen, Litauen, Weißrussland und der Ukraine Untergrundorganisationen, deren Ziel der bewaffnete Aufstand war. Die Revolten in Ghettos wie Bialystok oder Wilna werden allerdings häufig vergessen. Auch in den Konzentrationslagern gab es bewaffnete Aufstände, vor allem in den Vernichtungslagern Sobibor, Treblinka und Auschwitz-Birkenau. Ein wichtiges Element jüdischer Selbstbehauptung bildete aber auch ein geistig-kultureller Widerstand. In zahlreichen Ghettos wurden etwa Schulen und Theater gegründet, Konzerte organisiert, Untergrundzeitungen und Pamphlete gedruckt. Viele jüdische Menschen oder Gruppen weigerten sich, die Forderungen und Anmaßungen der Nationalsozialisten zu erfüllen. Zu den Grundlagen des jüdischen Widerstands zählte ferner der Kampf um die bloße physische Existenz, das Schmuggeln von Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten in die Ghettos und Lager.

Wer dem jüdischen Widerstand vorwirft, zu passiv oder ineffektiv gewesen zu sein, weil er die meisten Juden nicht vor ihrer Vernichtung retten konnte, blendet die Realität der jüdischen Bevölkerung aus, der nach und nach alle Möglichkeiten zum Überleben genommen wurde. Unter ihren extremen Existenzbedingungen sollte neben dem bewaffneten Widerstand von Juden auch die Bedeutung anderer Formen ihres widerständigen Verhaltens, zivilen Ungehorsams und Versuchen der Selbstbehauptung gebührende Anerkennung entgegengebracht werden. In der „Enzyklopädie des Holocaust“ findet sich im Bezug auf den jüdischen Widerstand deshalb folgende Definition: „Jeder dem Vernichtungsprogramm der Nationalsozialisten zuwiderlaufende Akt kann als Widerstand betrachtet werden“.

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