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Reisebericht  

1. Vorbereitung und Anreise (Berlin – Krakau, 16. Mai 2005)

 Zur Vorbereitung unserer Bildungsreise hatten wir – die Teilnehmer und Teilnehmerinnen unserer Reisegruppe – uns schon mehrfach getroffen, und gemeinsam haben wir auch verschiedene Ausstellungen und Veranstaltungen besucht. Bei einem unserer ersten Treffen führten wir einen Workshop durch, bei dem wir uns eingehend mit dem Thema Antisemitismus beschäftigten, angefangen mit der Geschichte des christlichen Judenhasses bis hin zu den aktuellen Erscheinungsformen des heutigen Antisemitismus. Wir bekamen auch jede/r einen eigenen Reader mit unterschiedlichen Texten über Antisemitismus, Nationalsozialismus, Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden sowie über das Lager Auschwitz-Birkenau. Um uns genauer über die Geschichte des Nationalsozialismus zu informieren besuchten wir später auch die Berliner Gedenkstätten „Topographie des Terrors“ und „Haus der Wannsee-Konferenz“, wo wir interessante Führungen durch die jeweiligen Ausstellungen bekamen. Im „Haus der Wannsee-Konferenz“ haben wir außerdem an einem mehrstündigen Jugend-Workshop aus dem Bildungsangebot der Gedenkstätte teilgenommen. (Inzwischen ist übrigens die dortige Dauerausstellung erneuert worden und wir planen jetzt zusammen einen erneuten Besuch.)

Zum Antritt unserer Reise nach Polen trafen wir uns am Morgen des 16. Mai 2005 am Berliner Ostbahnhof. Die Fahrt bis nach Krakau sollte ungefähr zehn Stunden dauern. Die Zeit im Zug vertrieben wir uns mit dem Lesen von Büchern und Texten, mit Spielen – einer von uns hatte ein Backgammon (türkisch: Tavla) mitgebracht –, andere schliefen auch, weil sie so früh hatten aufstehen müssen. So verlief die Bahnfahrt recht bequem. Weil einige von uns nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besaßen und für die Einreise nach Polen ein Visum vorweisen mußten, hatten die Organisatoren der Reise sich schon frühzeitig bei der polnischen Botschaft in Berlin darum gekümmert. Am Spätnachmittag erreichten wir Krakau. Ein Angestellter des Hostels, in dem wir Zimmer gebucht hatten, holte unser Gepäck vom Bahnhof ab. Während einer aus unserer Gruppe ihn im Wagen begleitete, machten sich die übrigen zu Fuß auf den Weg. Schon auf dem Bahnhofsvorplatz fiel uns sogleich ein Schild mit der Aufschrift „Old jewish town“ auf, das auf das ehemalige jüdische Viertel der Stadt, Kazimierz, hinwies. Als wir an unserem Hostel ankamen, fanden wir es leider sehr unbefriedigend und beschlossen spontan, uns eine andere Unterkunft zu suchen. Nach zähen Verhandlungen mit den Betreibern verabschiedeten wir uns schließlich und fanden dank des Internets schnell neue Kontaktadressen. Während sich eine Delegation unserer Reisegruppe mögliche Schlafplätze ansah, warteten die anderen in einem Café, das wir als Treffpunkt auswählten. Schließlich fanden wir noch am späten Abend zwei sehr gut ausgestattete Mietwohnungen im Stadtzentrum, in denen wir für die ganze Woche bleiben konnten. Wir verteilten uns auf die zwei Wohnungen und fielen alle erschöpft von dem langen Reisetag in unsere Betten. 

2. Tag der Reise: Rundgang auf dem Gelände des Stammlagers Auschwitz I und Besuch der ständigen Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau

Am nächsten Morgen machten wir uns gleich nach dem Frühstück auf den Weg zum Bahnhof, wo die Busse nach Oswiecim (Auschwitz) abfahren. Etwa eineinhalb Stunden lang dauerte unsere unbequeme Fahrt in einem alten und klapprigen Bus. Im Eingangsbereich des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau auf dem Gelände des ehemaligen „Stammlagers“ trafen wir auf unseren polnischen Begleiter Jozef, der uns herumführen sollte. Er stammt aus der Stadt Oswiecim und war dort lange als Lehrer tätig. Seit seiner Pensionierung führt er deutsche Besuchergruppen durch die Gedenkstätte. Unser Besuch des „Stammlagers“ begann an dem berühmten Eingangstor zum KZ Auschwitz, an dem der zynische Spruch „Arbeit macht frei“ angebracht ist. Gleich dahinter liegt ein Platz, auf dem früher ein Häftlingsorchester aufspielen mußte, während die geschundenen KZ-Häftlinge zur Sklavenarbeit getrieben wurden. Auf dem ehemaligen Lagergelände stehen noch heute die verschiedenen „Blocks“ in denen damals die Gefangenen hausen mußten. Jetzt werden sie als Verwaltungsgebäude der Gedenkstätte und als Ausstellungsräume des Museums genutzt. Bei unserem Rundgang führte uns Jozef durch mehrere dieser (Museums-)Gebäude und erklärte uns dabei auch ihre frühere Nutzung und ihre Funktionen.

Im „Block 4“ sind zahlreiche historische Dokumente ausgestellt, die aufzeigen, wer die Menschen waren, die in Auschwitz zu Opfern der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik wurden, und woher sie kamen. In den verschiedenen Ausstellungsräumen wird der Vernichtungsprozeß in seinen einzelnen Etappen dargestellt – die Ankunft der deportierten Juden an der Rampe in Auschwitz, ihre „Selektion“ durch die SS-Ärzte, die über ihre angebliche „Arbeitsfähigkeit“ entschieden, und schließlich der Weg der als „arbeitsunfähig“ eingestuften Menschen bis in die Gaskammern. Den Vorgang ihrer Ermordung kann man unter anderem anhand eines Modells von einem der großen Krematorien mit seinen unterirdischen Gaskammern rekonstruieren. Dort ist zu sehen, wie die Menschen über eine kleine Treppe hinab in den Auskleideraum geführt wurden, während oben eine Gruppe von Musikern angeblich klassische Musik spielen mußte. Im Kellergeschoß des Gebäudes mußten sie sich nackt ausziehen und wurden dann in die Gaskammer geführt. Dort wurden sie durch das Giftgas „Zyklon B“ ermordet, indem sie über viele Minuten in unbeschreiblichen Qualen den Erstickungstod fanden. Nach der Vergasung wurden die Türen wieder geöffnet und Häftlinge eines speziellen „Sonderkommandos“ mußten die Leichen aus der Gaskammer herausholen und sie zu den Verbrennungsöfen des Krematoriums schaffen. Die Häftlinge des „Sonderkommandos“ wurden auch bei der Leichenverbrennung eingesetzt. Ihre Lebenserwartung betrug höchstens wenige Monate, dann wurden auch sie von der SS ermordet, damit kein Zeuge des Verbrechens am Leben blieb. Dieses Modell hat wegen seiner Anschaulichkeit bei vielen von uns einen starken Eindruck hinterlassen.

Im „Block 6“ befindet sich an den Wänden der langen Flure eine beinahe endlose Galerie mit Fotos der Häftlinge. Auf ihnen sieht man Hunderte von kahl geschorenen Männern und Frauen verschiedenen Alters. Die Aufnahmen zeigen die Gesichter der Häftlinge einmal frontal von vorne, einmal schräg von der Seite und einmal im Profil mit ihrer Häftlingsnummer. Unser Museumsführer Jozef wies uns auf die Ankunfts- und Sterbedaten der Häftlinge hin, die unter den Fotos vermerkt sind. An ihnen ist zu erkennen, daß die meisten schon nach relativ kurzer Zeit im Lager verstorben sind. Durch die miserablen Lebensbedingungen, denen sie dort ausgesetzt waren, durch Hunger, Sklavenarbeit, Krankheiten, extrem kalte Winter, pseudo-medizinische Experimente, Exekutionen oder schwere Strafen starben sie reihenweise dahin. Gerade ältere oder geschwächte Personen konnten unter solch unmenschlichen Bedingungen nicht lange bestehen. Aus den Gesichtern der Fotos sahen uns die gequälten und verschreckten Augen von Menschen an, deren Ängste und Erschütterungen uns nicht entgehen konnten. Die Konfrontation mit diesen Bildern war sicher einer der bewegendsten Momente beim Besuch der Ausstellungen.

Der „Block 11“, auch „Todesblock“ genannt, diente in den ersten Jahren des Lagers als Unterkunft für die „Strafkompanie“ und für die „Erziehungskompanie“. Die Häftlinge dieser beiden Abteilungen mußten zu ihrer „Bestrafung“ die schwersten Tätigkeiten im Lager verrichten. Die Härte dieser Arbeiten bedeutete für die Betroffenen oft den Tod. Mit Beginn der Vernichtungsmaßnahmen gegen Juden wurden hier außerdem erste Vergasungsversuche durchgeführt. Zwischen dem 3. und 5. September 1941 wurden dabei 600 sowjetische Kriegsgefangene und 250 kranke polnische Häftlinge mit „Zyklon B“ ermordet. Auch das „Sonderkommando“, das beim Massenmord behilflich sein mußte, war anfangs in diesem Gebäude untergebracht. Im Keller von „Block 11“ befanden sich außerdem verschiedene Arrestzellen für Häftlinge, die zu beliebigen Strafen oder sogar zum Tode verurteilt wurden. Dort gab es auch die berüchtigten Stehzellen, die von den Häftlingen selbst gebaut werden mußten. Sie hatten eine Fläche von ungefähr 1x1 Meter und als Zugang nur eine kleine Holzklappe. In diesen engen und niedrigen Zellen konnte man weder richtig stehen noch sitzen und viele Häftlinge starben irgendwann von Erschöpfung, besonders wenn ihnen auch noch die Nahrung versagt wurde. Es gab hier auch sogenannte „Hungerzellen“, in denen die Häftlinge ohne Essen und Trinken eingesperrt wurden, bis sie starben. Im Hof von „Block 11“ befindet sich die „Todeswand“, an der Gefangene durch Kopfschüsse exekutiert wurden. Hinrichtungen wurden auch als Strafmethode praktiziert und dienten oft zur Abschreckung für andere Häftlinge. Zwischen 1941 und 1943 wurden an der „Todeswand“ mehrere tausend Häftlinge umgebracht. Im Jahr 1944 wurde sie abgebaut und dann nach dem Krieg zum Gedenken an die dort ermordeten Menschen vom Museum rekonstruiert. An der ehemaligen Exekutionsstätte werden heute oft Blumen und Trauerkränze abgelegt.

Im Stammlager gab es auch ein Krematorium. Das „Krematorium I“ diente in den Jahren 1941 und 1942 vor allem zur Verbrennung von Leichen sowjetischer Kriegsgefangener und Juden aus umliegenden Ghettos in Oberschlesien. Der größte Teil des Gebäudes wurde zunächst als Leichenhalle genutzt und dann im Herbst 1941 zur Gaskammer umgerüstet. Als 1942 in Auschwitz II–Birkenau zwei weitere provisorische Gaskammern in Betrieb genommen wurden, verlegte die Lagerleitung den Massenmord allmählich dorthin. Das Krematorium I im Stammlager und seine Gaskammer wurde nach und nach aufgegeben. Nach dem Bau von vier großen Krematorien mit Gaskammern in Birkenau wurde im Juli 1943 der Betrieb des Krematoriums I ganz eingestellt. Das Gebäude wurde danach als Lagerraum und dann als Schutzbunker benutzt. Die Öffnungen für den Gaseinwurf wurden von der SS zugemauert. Das Krematorium wurde später durch das Museum teilweise rekonstruiert.

An zentraler Stelle des Stammlagers befindet sich der ehemalige „Appellplatz“. Hier mußten sich die Häftlinge versammeln und manchmal stundenlang stehen, während die SS-Männer sie immer wieder durchzählten, um sie auf ihre Vollzähligkeit zu überprüfen. Der längste Appell dauerte insgesamt 19 Stunden. Während solcher langen Appelle starben Häftlinge auch manchmal und ihre Leichen mußten dann hinterher ihre Mithäftlinge fortschaffen. Auf dem Appellplatz fanden auch regelmäßig Hinrichtungen statt, denen alle Häftlinge zusehen mußten. Öffentlich gehängt wurden dort z.B. Gefangene, die zu fliehen versucht hatten und wieder gefaßt worden waren, oder Häftlinge, denen man heimliche Kontakte zur Zivilbevölkerung unterstellte.

3. Tag der Reise: Das Lager Auschwitz II – Birkenau

Am Morgen des dritten Reise- und zweiten Besuchstages trafen wir uns mit unserem Museumsführer Jozef im Lager Auschwitz II – Birkenau. Vom Stammlager aus fährt man die etwa 3 Kilometer nach Birkenau mit einem kleinen Bus. Am Tag unserer Besichtigungstag war es dort kalt und regnerisch und manche aus unserer Reisegruppe fanden hinterher, das Wetter habe die traurige Atmosphäre dieses Ortes noch verstärkt. Birkenau war das größere Teillager des Konzentrationslagers Auschwitz und war das Zentrum der Massenvernichtung der Juden. Das Lager bestand aus 300 hölzernen Baracken, in denen insgesamt bis zu hunderttausend Häftlinge zusammengepfercht wurden. Die sanitären und hygienischen Verhältnisse dort waren katastrophal. Von den ehemaligen Baracken stehen heute nur noch ganz wenige. Einige der Baracken wurden gegen Kriegsende von der SS niedergebrannt, um die Beweise ihrer Verbrechen zu verwischen, andere wurden nach dem Krieg von der polnischen Bevölkerung aus der Umgebung demontiert und als Baumaterialien verwendet. Als bauliche Reste des Lagers erhalten und heute teilweise rekonstruiert sind die Eisenbahnrampe, die Ruinen der Krematorien mit den Gaskammern, die Fundamente der Baracken in den verschiedenen Lagerteilen („Quarantänelager“, „Theresienstädter Familienlager“, „Zigeunerlager“, „Kanada“ usw.), mehrere Steingebäude wie einige Baracken des „Frauenlagers“ oder die zentrale „Sauna“.

An der Rampe trafen früher die Züge mit den Deportierten ein. Frauen und Kinder wurden von den Männern getrennt aufgestellt und dann die „Selektion“ durchgeführt. Dabei wurden die Menschen von SS-Ärzten entweder als „arbeitsfähig“ oder als „arbeitsunfähig“ eingestuft und entsprechend in zwei Gruppen aufgeteilt. Die „Arbeitsunfähigen“ – Kinder, ältere Menschen, Kranke, Schwangere und Frauen mit Kleinkindern – wurden sofort in die Gaskammern geschickt und dort ermordet. Die Menschen der anderen Gruppe wurden als neue Häftlinge im Lager untergebracht.

Nach der Besichtigung der Rampe führte uns Jozef in einige der verschiedenen ehemaligen Baracken, die zum Teil rekonstruiert oder wieder hergerichtet worden sind. Hier konnten wir sehen, unter welchen Bedingungen damals die Gefangenen des Lagers leben mußten. In den Holzbaracken standen z.B. viele mehrstöckige Holzpritschen. Weil diese Unterkünfte früher mit bis zu 400 Menschen völlig überfüllt waren, mußten sich meistens vier bis sechs Häftlinge eine Pritsche teilen. Jozef erzählte uns, daß es den Häftlingen für jede Baracke nur zwei Eimer Kohle am Tag zur Verfügung gestellt wurde. Bei dem kalten polnischen Winter und Temperaturen bis zu Minus 20 Grad war das für die Unterkünfte natürlich alles andere als ausreichend. Auch die Baracken für die Latrinen zeigten, unter welch unmenschlichen Bedingungen die Häftlinge des Lagers existieren müssten. Durch die offenen Löcher eines 40 Meter langen Betonkastens mußten die Menschen ihre Notdurft verrichten. Viele Häftlinge litten an Durchfall, konnten aber die Latrine bei dem großen Andrang und unter der ständigen Hetze ihrer Aufseher nur ganz wenige Augenblicke benutzen. Auf die Frage, ob er selbst die Zeit des Zweiten Weltkrieges noch erlebt habe, berichtete uns Jozef aus seiner Kindheit. Während des Krieges lebten er und seine Familie in unmittelbarer Nähe zum Sperrgebiet des Lagers. Aus der Entfernung konnten sie am Himmel den schwarzen Rauch aus den Schornsteinen der Vernichtungsanlagen aufsteigen sehen und in der Luft lag oft der üble Gestank verbrannten Fleisches. Wenn der Wind an manchen Tagen aus einer bestimmten Richtung herüberwehte, dann sagte seine Mutter immer, die Deutschen würden jetzt wohl wieder Juden verbrennen. Laut Jozef wußten aller Bewohner der Umgebung ganz genau, was im Lager Auschwitz-Birkenau vor sich ging und was dort mit Juden und anderen Häftlingen geschah.

Auf unserem Rundgang über das Lagergelände erreichten wir die sogenannte zentrale „Sauna“. Dieses größere Gebäude wurde Ende 1943 fertiggestellt. In ihm wurden Männer und Frauen, die bei der „Selektion“ für „arbeitsfähig“ befunden worden waren, nun desinfiziert und als neue Häftlinge des Lagers registriert. Hier mußten die Ankommenden ihre Kleidung ablegen, sich den Kopf scheren lassen und bekamen eine Nummer auf den Unterarm tätowiert. Nach einer Dusche mit eiskaltem oder brühend heißem Wasser wurde ihnen dann ihre Häftlingskleidung zugewiesen. Beim Gang durch die restaurierten Räume und Korridore der „Sauna“ folgen die Besucher heute dem damaligen Weg der Häftlinge bei ihrer Aufnahmeprozedur. Im letzten Raum auf diesem Weg wird derzeit eine Ausstellung gezeigt, die auf einer großen dunklen Wand zahlreiche Erinnerungsfotos präsentiert. Die Aufnahmen stammen aus dem Privatbesitz von jüdischen Deportierten aus ganz Europa und wurden ihnen in Auschwitz abgenommen. Sie zeigen die Porträts einzelner Personen, ganzer Familien oder anderer Personengruppen und sind oft das einzige, was heute noch von der Existenz dieser Menschen zeugt. Auf manchen der Fotos kann man auf der Kleidung der Abgebildeten den gelben Stern sehen, den Juden zwangsweise zu ihrer Kennzeichnung tragen mußten. Am Ausgang der „Sauna“ liegt ein Besucherbuch des Museums aus, in dem auch einige unserer Reiseteilnehmer/innen ihre Eindrücke und Gedanken niedergeschrieben haben.

Unser Besuch in Birkenau endete an den Ruinen der ehemaligen Krematorien mit den Gaskammern. In diesen Anlagen zur Massenvernichtung wurden zwischen 1943 und 1944 über einen Zeitraum von etwa eineinhalb Jahren mehr als eine Millionen Menschen ermordet. Am 7. Oktober 1944 kam es dort zu einem Aufstand der jüdischen Häftlinge des „Sonderkommandos“, denen es dabei gelang, eines der Krematorien zu zerstören. Manche von ihnen konnten im Zuge des Aufstand fliehen, wurden aber sehr bald wieder gefaßt und dann hingerichtet. Im Januar 1945, als sich die Deutschen wegen dem Vorrücken der Sowjetarmee zurückzogen, sprengte die SS auch die übrigen Krematoriumsgebäude, um die Beweise ihrer Massenmordverbrechen zu beseitigen. Heute sieht man dort nur noch die Fundamente und Ruinen.

4. Tag der Reise: Ein Studientag in der Bildungsabteilung der Gedenkstätte 

Am vierten Tag der Reise, dem dritten Tag unseres Besuchs der Gedenkstätte, haben wir in Gebäuden auf dem Gelände des ehemaligen Stammlagers Auschwitz I verschiedene interessante Vorträge hören und Gespräche mit wissenschaftlichem Personal des Museums führen können.

Bei einem Besuch im Archiv des Museums erklärte uns eine Mitarbeiterin die Struktur und den Inhalt der dortigen Sammlungen. Wir erfuhren, daß die SS vor ihrem Rückzug und der Befreiung des Lagers einen Großteil der Dokumente zerstörte, um die Beweismittel zu vernichten. Nur relativ wenige Dokumente, die nicht verbrannt wurden oder rechtzeitig von Häftlingen versteckt worden waren, konnten zunächst gesichert werden. Das Archiv hat aber seine Sammlung im Laufe der Zeit immer mehr erweitert und mittlerweile durch viele Dokumente aus anderen Archiven ergänzt. Wir sahen dort auch Luftaufnahmen, welche die Alliierten während des Krieges gemacht hatten. Die Mitarbeiterin des Archivs, die uns betreute, stammte selbst aus der Stadt Oswiecim. Sie hatte gerade ein Buch über die Geschichte der dortigen Juden geschrieben („Juden in Oswiecim“), die ja fast alle selbst im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. So konnten wir mit ihr eingehender auch über dieses Thema sprechen.

Im Bildungszentrum der Gedenkstätte hörten wir dann den Vortrag einer anderen Historikerin des Museums über die sogenannte „Maurerschule“ des Lagers. In der „Maurerschule“ erlernten männliche, oft noch jüngere Häftlinge die Grundtechniken des Maurerhandwerks, damit sie dann bei der Errichtung von Gebäuden des Lagers (z.B. der Baracken und Krematorien) eingesetzt werden konnten. In einer Powerpoint-Präsentation wurden uns viele Bilder und Dokumente gezeigt, die uns die Geschichte der „Maurerschule“ und die Lebensbedingungen der Häftlinge veranschaulichten. So lernten wir, daß manche der Häftlinge andere Mitgefangene dadurch retten konnten, daß sie sich um ihre Aufnahme in die „Maurerschule“ bemühten, denn weil die Maurer zum Ausbau des Lagers benötigt wurden, ließ man sie eher am Leben. Trotzdem war die Sterblichkeit auch unter ihnen sehr hoch. Viele der Häftlinge hielten die körperlich anstrengende Arbeit nicht durch und starben an Erschöpfung oder Unterernährung. Andere wurden bei Strafaktionen, durch Giftinjektionen im „Häftlingskrankenbau“ oder in den Gaskammern ermordet. Anhand zahlreicher Dokumente konnten wir nachvollziehen, wie ihre Todesursachen ganz offensichtlich gefälscht wurden. Um die wahren Gründe ihres Sterbens zu verschleiern, wurden auf den Todesurkunden einfach reihenweise Herzversagen oder irgendwelche Krankheiten eingetragen, die bei so jungen Menschen in so hoher Zahl eigentlich nicht vorkommen können.

In einem weiteren Vortrag erfuhren wir durch die stellvertretende Leiterin des Museums einiges über die Geschichte und Symbolik der Gedenkstätte. Ein weitreichendes und schwieriges Thema nicht nur für die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau ist, in welchen Formen jeweils den verschiedenen Opfergruppen gedacht wird und in welchem Verhältnis die Erinnerung an ihr jeweiliges Schicksal zum Gedenken an das der anderen steht. Für viele Überlebende und ihre Angehörigen kann es emotional sehr verletzend sein, sich in der Gedenkstätte nicht angemessen repräsentiert zu fühlen. So hat Auschwitz z.B. im kollektiven Gedächtnis der Juden natürlich eine ganz zentrale Bedeutung, nicht nur weil dieser Ort „der größte jüdische Friedhof der Welt“ ist, sondern weil er überhaupt das Symbol für die versuchte Vernichtung aller Juden ist. Gleichzeitig aber hat Auschwitz auch für einen Großteil der polnischen Bevölkerung einen hohen symbolischen Wert, indem er für die Unterdrückung und Ermordung vieler Polen durch die deutschen Besatzer steht. Den wichtigen Gedenkort beanspruchen mit vollem Recht ebenso die Sinti und Roma oder auch Russen und andere Gruppen.

In einem vierten und letzten Vortrag lernten wir durch einen Mitarbeiter des Museums schließlich einige weitere Aspekte der Gedenkstättenarbeit kennen. Menschen aus der ganzen Welt gehören heute zu den Besuchern der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Die meisten von ihnen sind aber aus Polen, wo im Rahmen von Schulprogrammen auch viele Schulklassen dorthin fahren. Sehr viele Besucher kommen zudem aus den USA, aus Israel, Frankreich und Deutschland. Zu unser aller Überaschung hörten wir außerdem, daß neuerdings immer mehr Leute aus Asien, vor allem aus Japan und Korea, die Gedekstätte besuchen. Eine ganz wichtige Bedeutung für die Gedenkstättenarbeit haben natürlich die Überlebenden des Lagers Auschwitz, die aber allmählich aussterben und für persönliche Zusammentreffen immer weniger zur Verfügung stehen. Deshalb bemüht sich das Museum zusammen mit anderen Einrichtungen und Organisationen, die Erinnerungen und Erfahrungen möglichst vieler Überlebender zu sammeln und zu dokumentieren. Allerdings kann wohl leider kein noch so einfühlsames Interview und kein noch so eindrücklicher Bericht das persönliche Erlebnis einer direkten Begegnung und eines Gesprächs von Angesicht zu Angesicht ersetzen.

5. Tag der Reise: Besichtigung Krakaus und die Abfahrt

Den letzten und sehr sonnigen Tag unserer Reise nutzten wir zur Besichtigung der Stadt Krakau. Neben anderen Sehenswürdigkeiten, wie der Altstadt oder der Burg Wavel, interessierte viele von uns vor allem das ehemalige jüdische Viertel im Stadtteil Kazimierz. Dort gibt es noch heute verschiedene alte Synagogen, ein kleines jüdisches Museum und viele jüdische Restaurants, die ein ganz allmähliches Wiederaufleben jüdischen Lebens in Krakau andeuten. Gleichzeitig zeugen sie auch von den starken Touristenströmen, die nicht zuletzt durch die nahegelegene Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau angezogen werden. In Kazimierz konnten wir in einer der Synagogen historische Filmaufnahmen aus dem Leben der Krakauer Juden aus der Zeit vor und während in des Zweiten Weltkriegs sehen. Im Museum besuchten wir eine Ausstellung über die Geschichte des chassidischen Judentums. Am Abends gingen wir zum Abschluß unserer Reise in ein Restaurant und aßen koschere Speisen.

Am nächsten Tag traten wir die lange Rückreise an, wobei einer der Teilnehmer sich große Verdienste erwarb, weil er für alle köstlichen Proviant vorbereitet hatte. Die vielen bewegenden Eindrücke und Momente der vergangenen Tage beschäftigten uns auf der Heimreise. Manche vertieften sich in neu gekaufte Bücher oder sprachen über ihre Erlebnisse. Vielfach wurde der Wunsch geäußert, sich gemeinsam auch weiterhin mit der Geschichte und den Folgen der Shoah zu beschäftigen, mehr zu erfahren über bestimmte Themen wie z.B. die Geschichte der Ghettos, den jüdischen Widerstand gegen die Verfolgungs- und Vernichtungspolitik, die Reaktionen und Entwicklungen in anderen Ländern. Tatsächlich haben wir uns auch nach der Reise immer wieder für gemeinsame Diskussionen oder Aktivitäten getroffen. So besuchten wir eine Ausstellung in Berlin über „Kunst in Auschwitz“ oder gingen zu bestimmten Veranstaltungen. Auch haben wir einen Workshop zum Thema „Antisemitismus in der Türkei“ organisiert und durchgeführt. Als nächstes planen wir einen erneuten Besuch in der Gedenkstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“, um dort die neue Ausstellung kennenzulernen.

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